"Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke"
Gedichtanalyse


Das vorliegende Gedicht mit dem Titel "Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke" wurde von Gottfried Benn verfasst und stammt aus der Zeit des Expressionismus. Es ist eines seiner früheren Werke, die im Gedichtband "Morgue", was der Name des Pariser Leichenschauhauses ist, erschienen sind.
In dem als Dialog angelegten Gedicht führt der "Mann", offensichtlich Arzt, eine schweigende Frau durch ein Krankenhaus. Thema des Gedichts sind Tod und Verfall.

Das Gedicht ist aufgrund der angesprochenen Themen, der stilistischen Mittel und der erzeugten Stimmung ein typisches Gedicht des Expressionismus'.

Der Expressionismus bezeichnet eine Kunst- und Literaturrichtung in einer Zeitspanne von etwa 1905 bis 1925. Diese Zeit war geprägt von der Urbanisierung, die für den Menschen eine Entwicklung zur Anonymität und Isolation bedeutete. Es gab einerseits einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg und räumliche Enge, aber auch ein Gefühl von Einsamkeit in der Menschenmenge. Sehr prägend war auch die fortschreitende Industrialisierung. Der rasante Fortschritt durch Erfindungen von Auto und Straßenbahn sowie dem Telefon führte zu einer enormen Technik-Euphorie, die 1912 durch den Untergang der als unsinkbar angesehenen Titanic stark erschüttert wurde. Die Menschen waren verunsichert, zumal beinahe zeitgleich der Halley-Komet auftauchte, was teilweise bereits als Zeichen für eine nahende Apokalypse gedeutet wurde. Verstärkt wurde dies durch das merkliche Aufrüsten des Wilhelminischen Reiches, sodass einige Expressionisten den drohenden Weltkrieg bereits vorher prophezeiten. Aufgrund der Existenzängste und den negativen sozialen Veränderungen in Form von Moral- und Wertelosigkeit der Menschen, waren die Expressionisten der Ansicht, die Welt müsse um jeden Preis geändert werden, wenn nötig auch durch ihre Zerstörung, sodass einige den Krieg sogar befürworteten. Diese Einstellung heißt Aktivismus. Im Gegensatz zu ähnlich chaotischen Epochen wie dem Barock verlor die Kirche in der Zeit des Expressionismus an Macht.
Literarisch sind subjektive Wahrnehmungsbeschreibungen, eine sehr dynamische und impulsive Sprache und neue Stile, die mit der damaligen Norm brachen, kennzeichnend für den Expressionismus.

Das Gedicht ist stilistisch und inhaltlich typisch für den Expressionismus. Die Hauptthemen sind hier im Großen und Ganzen Tod und Krankheit. Außerdem werden die räumliche Enge und die gleichzeitige soziale Distanz angesprochen, sowie der Werteverfall und die Wertlosigkeit des Menschen.

Dies wird durch die verwendeten stilistischen Mittel deutlich: So spricht der Arzt, der seine Begleiterin durch das Krankenhaus führt von "Reihen" (V. 2/ 3) mit "zerfallenen Schößen" (V. 2) und "zerfallener Brust" (V. 3). Die "Reihen" sind ein pars pro toto und bezeichnen die Patienten in ihren Betten. Damit werden die Kranken verdinglicht und entwertet. Sie werden nach der Art ihrer Krankheit kategorisiert und zum Sterben neben ihre Leidensgenossen gelegt. Das passt zu dem Eindruck der Expressionisten, der Einzelne zähle nichts mehr. "Zerfallene Schöße" und "zerfallene Brust" sind Metaphern für Krebs, die das Leiden veranschaulichen und den Leser, beziehungsweise die Frau zu schockieren sollen. Benn weist dabei auffällig auf Geschlechtsteile hinweist, was auf seinen späteren Beruf als G Das Ausmaß der räumlichen Enge wird nochmals in Vers 4: "Bett stinkt bei Bett". Außerdem werden durch die Personifikation der Betten die Patienten verdinglicht und damit entwertet. Der angesprochene Geruch impliziert dabei Verwesungsgestank und ist damit eine Todesprophezeiung. Ebenfalls in Vers 4 werden die Anonymität und die soziale Distanz erwähnt: "Die Schwestern wechseln stündlich". Der persönliche Kontakt wird hier unmöglich gemacht. Die "Decke" in Vers 5, welche die Frau aufheben soll, scheint ein Leichentuch zu sein, denn darunter kommt ein Klumpen "Fett und faule Säfte" (V. 6) zum Vorschein, offensichtlich Überreste eines Leichnams. Der Vergleich eines Leichentuchs mit einer "Decke" soll die Situation alltäglich undramatisch machen, während die anschauliche Beschreibung der Leiche die Frau und damit auch den Leser schockieren soll. Wie die Frau, die das ganze Gedicht über stumm bleibt, sollen auch dem Rezipienten die Worte für das fehlen, was das Gedicht übermittelt, was typisch für den als "Medizyniker" bekannten Benn ist. Vers 7 und 8 schildern die Vergänglichkeit des Menschen und seiner Werte: das "Fett" und die "faulen Säfte" waren "einst irgendeinem Mann groß" (V. 7) und es "hieß auch Rausch und Heimat" (V. 8). Die Metaphern "Rausch und Heimat" bedeuten, dass der tote Mann Glück und Familie gehabt zu haben schien, was nun im Tod nebensächlich erscheint. Außerdem wird betont, dass er "irgendein Mann" war, sodass er auch noch die Identität verliert und bis auf seine zudem wertlosen Überreste sozusagen überhaupt nicht mehr existent ist. In Strophe 3 fordert der Arzt seine Begleiterin auf, die Krebsgeschwüre an der Brust einer Kranken zu betasten. Hier lässt sich wieder eine Verbindung zu Benns Beruf erkennen. Der Vergleich des Brustkrebs mit einem "Rosenkranz" (V. 10) wirkt blasphemisch und verbindet Gott in einem sehr negativen Sinne mit dem Tod. Es lässt auf die Ansicht der Expressionisten schließen, Gott habe sich von den Menschen abgewandt und der Weltuntergang stehe bevor. Der Vergleich der Geschwüre mit einer Perlenkette zeigt das fortgeschrittene Stadium der Krankheit, sodass die Aufforderung des Arztes umso takt- und respektloser der Todgeweihten gegenüber erscheint, wieder ein Hinweis auf die Wertlosigkeit des Menschen. In Strophe 4 ist von einer Frau die Rede, die "wie aus dreißig Leibern blutet" (V. 12). Diese Parabel soll die schwere Verwundung der Frau deutlicher machen und den Leser, beziehungsweise stellvertretend dafür die Frau, schockieren. Andererseits ist die emotionslose Aussage des Arztes "kein Mensch habe so viel Blut" (V. 13) eine Todesprophezeiung und vermittelt die baldige Verblutung der Kranken. Die nächste Patientin bekam zuvor "ein Kind aus dem verkrebsten Schoß geschnitten" (V. 14/ 15), hat also entbunden, was die allgemeine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Menschen zur Zeit des Expressionismus' dadurch zum Ausdruck bringt, dass das "Kind" als Inbegriff der Zukunft in einer aussichtslosen Situation geboren wird und kaum Chancen auf ein glückliches Leben hat. Die 5. Strophe bildet eine Ausnahme: "Man lässt sie schlafen. Tag und Nacht." (V. 16) Hier soll nicht schockiert werden, es handelt sich um einen Euphemismus, der aussagt, dass die Patienten im Grunde nur unter Einfluss von starken Schmerzmitteln dahindämmern. Damit tritt wieder der "Medizyniker" zum Vorschein. Verstärkt wird dieser Zynismus durch die Täuschung der neuen Patienten: "Den Neuen sagt man: Hier schläft man sich gesund." (V. 16/ 17) Es ist klar, dass diese Situation in Wirklichkeit ein Warten auf den Tod ist. Die 6. Strophe beschreibt den schlechten Zustand und die mangelnde Versorgung der Todkranken. "Nahrung wird wenig noch verzehrt" (V. 19) und "die Rücken sind wund" (V. 19/ 20). Dadurch wird deutlich, dass das Personal sich nicht besonders um die Patienten kümmert, vor allem da sie "manchmal" (V. 20) gewaschen werden "wie man Bänke wäscht" (V. 21). Damit werden die Patienten wieder auf Objekte reduziert und stark entwertet. Die Tatsache, dass man "die Fliegen sieht" (V. 20), kann entweder auf Verwesungsgeruch oder auf Tod hinweisen, da Fliegen ihre Larven in Leichen ablegen. Die letzte Strophe beschreibt das Sterben, indem die Kranken mit ihrer Ankunft quasi schon begraben werden. Darauf weist die Metapher für einen Friedhof hin: "Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett" (V. 22). Jegliche Hoffnung auf Genesung wird damit zunichte gemacht. Hier "ebnet sich Fleisch zu Land" (V. 23), was eine Metapher für den Verfall ist und die "Glut" (V. 23) des Lebens "gibt sich fort" (V. 23). Dann wendet sich der "Medizyniker" nach den metaphysischen Beschreibungen des Sterbens wieder der medizinischen Ansicht des Todes zu und schildert, dass die Kontrolle über die Körperfunktion verloren geht und Flüssigkeiten austreten: "Saft schickt sich an zu rinnen" (V. 24). Zuletzt fasst der Arzt metaphorisch zusammen: "Die Erde ruft".

Das im Gedicht erzeugte Gefühl des Entsetzens und gar Ekels wird hervorgerufen durch die schockierenden Beschreibungen des Mannes. Die hier verwendete Mischung aus kalter, scheinbar sachlicher Ungerührtheit und detaillierter, teilweise übertreibender Schilderung seiner Beobachtungen provoziert die Abscheu des Lesers, auch wenn der Arzt keine reale Person ist und dies höchstwahrscheinlich auch keine realen Schilderungen sind, da solche Zustände trotz des zeitlichen Unterschiedes von 100 Jahren schwer vorstellbar sind. Das Gedicht berührt den Rezipienten deshalb so, weil er sich als anstelle der Frau angesprochen fühlt. Die negative Grundstimmung ist typisch für den Expressionismus, und entsteht neben den kühlen Schilderungen des Arztes auch durch die völlige Emotionslosigkeit während des ganzen Gedichtes. Formal lässt sich nicht die geringste Regelmäßigkeit finden, weder in Form eines Metrums, eines erkennbaren Musters in der Anzahl der Verse je Strophe oder auch nur in einem Reim. Dies könnte das Chaos der Zeit des Expressionismus' wiederspiegeln und somit die Ausgangsthese unterstützen.

Die vorangegangene Analyse hat die Ausgangshypothese eindeutig bestätigt: das Gedicht ist typisch für den Expressionismus. Das haben sowohl die Themen als auch die Analyse der stilistischen Mittel und der Stimmung gezeigt.

Ich denke, obwohl das Gedicht den Leser so anspricht, hat es weniger Realitätsbezug als damals. Ich kann mir diese Zustände zwar auch vor 100 Jahren schlecht vorstellen, in Deutschland jedenfalls, aber es ist immerhin wahrscheinlicher. Ich glaube, auch in den Entwicklungsländern wird sich um persönlichen Kontakt bei der Krankenbetreuung bemüht. Natürlich ist die Vergänglichkeit und der Verfall des Menschen auch heute noch allgegenwärtig, aber den Verstorbenen wird viel mehr Respekt gezollt und in der Regel hat man Angehörige, die einen in Erinnerung behalten, im Gegensatz zu der Situation im Gedicht, in der mit dem Tod das Leben eines Menschen unwichtig und wertlos wird.


von "silent_water88"


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