Fabrikstraße tags - Interpretation
Sonderbar, unheimlich, kalt und unnahbar; so oder so ähnlich könnte man die Grundstimmung des Gedichtes „Fabrikstraße tags“ von Paul Zech beschreiben. Es wird die Begegnung zweier Menschen auf einer Fabrikstraße dargestellt. Obwohl die beiden Personen nur aneinander vorbei laufen, geschieht so viel in diesem kurzen Augenblick. Der Autor versucht diese Situation in Gefühlen auszudrücken.
Das Gedicht ist ein Sonett, das aus vier Strophen besteht. Die erste und zweite Strophe sind Quartette und haben vier Verse. Sie beinhalten einen umarmenden Reim. Die dritte und vierte Strophe hingegen sind Terzette und bestehen nur aus drei Versen, die sich nach dem folgenden Reimschema aufgliedern: abb acc. Es liegt also eine Mischung aus Kreuzreim und umarmenden Reim vor. Dieses Schema ist ein typisches Merkmal eines Sonetts.
Weiterhin ist der Rhythmus des Gedichtes ein fünf-hebiger Trochäus, der das Ganze sehr gleichmäßig, fast monoton klingen lässt.
In den Quartetten wird die Fabrikstraße und die Begegnung des lyrischen Ichs mit einem anderen Menschen beschrieben. Die erste Strophe wird mit einer Ellipse eingeleitet, die den Lesern direkt in die Grundstimmung versetzt, wie sie am Anfang beschrieben wird. „Nichts als Mauern“ (Z.1) umranden die Fabrikstraße. Wer auf ihr läuft, ist eingeengt, fast gefangen. Diese Stimmung wird bereits im nächsten Satz durch eine Metapher unterstützt. „Die Straße [ist] de[r] gescheckte[..] Gurt der Fassaden“(Z.2), der die Häuser umwindet und zusammenhält. Ein Gurt ist ein Gegenstand, der für Einengung und Zusammenhalt steht. Alles wirkt sehr gedrängt und erdrückend, gleichzeitig ist die Straße „ohne Gras und Glas“ (Z.1), was sie sehr trostlos macht. Außerdem scheint es dort sehr ruhig zu sein, denn „keine Bahnspur surrt“ (Z.3) und niemand, außer dem lyrischen Ich, befindet sich auf der Straße. Dieses scheint hier regelmäßig zu passieren, denn es weiß, dass „das Pflaster [immer] wassernass [glänzt]“ (Z.4). Das Wort „immer“ unterstützt das Monotone, was bereits durch den Rhythmus hervorgerufen wird. Wahrscheinlich ist auch das Leben
des lyrischen Ichs wenig abwechslungsreich. Offensichtlich ist es selbst ein Arbeiter, das in einer Fabrik seinen Lebensunterhalt verdient. Das ist daraus zu schließen, das das lyrische Ich sich in der Gegend auskennt und die Monotonie das Leben eines Arbeiters zu Beginn des 20. Jahrhunderts
darstellt. Paul Zech war ein Expressionist, der zur Zeit der Industrialisierung um 1900 lebte. Das Stadtbild änderte sich zu dieser Zeit sehr stark. Durch Landflucht und Verstädterung wurden die Städte immer größer und dichter. Vor allem Berlin war zu dieser Zeit eine Metropole der Industrialisierung. Paul Zech lebte selber in Berlin und war mit dem Stadtbild und –leben vertraut. Er arbeitete, trotz seiner zweifelhaften Biografie, zeitweise als Packer und Heizer in einer Kesselfabrik. Die Bevölkerung war geteilt in Schichten. Immer größer wurde die Kluft zwischen Arbeitern und wohlhabenden Bürgern und Fabrikbesitzern. Während die einen unter unmenschlichen Bedingungen zu fünft oder zu sechst in kleinen Mehrzweckzimmern schliefen, worin gekocht gebadet und gelebt wurde, wohnten die anderen in pompösen Häusern und Mietswohnungen mit Haushälterinnen und Kindermädchen.
Das lyrische Ich scheint also zu der armen Schicht zu gehören und begegnet in der zweiten Strophe jemanden, dessen „Blick dich kalt“ (Z.5) trifft.
Durch die zunehmende Verstädterung wuchs die Einwohnerzahl Berlins stetig. Die Stimmung war geprägt von Anonymität und Fremdheit, keiner kannte den anderen. So auch die beiden Personen in diesem Gedicht. Sie sind einander fremd und offensichtlich feindselig eingestellt. Da der Blick kalt ist und „bis ins Mark“ (Z.6) geht, wird die Stimmung noch ungemütlicher und die Feindseligkeit der Person gegenüber dem lyrischen Ich wird deutlich. Vielleicht ist es ein anderer Arbeiter, der das lyrische Ich als Konkurrenten sieht. Man muss bedenken, dass durch die Industrialisierung der Mensch durch einen Maschine ersetzt wurde. Die Funktion des Menschen wurde teilweise bedeutungslos. Vor dieser Sinnentleerung der menschlichen Existenz fürchteten sich die Expressionisten und diese spiegelt sich auch hier wider. Das Bild der „niederen“ Schicht war geprägt von Armut und Ersetzbarkeit des Einzelnen, daher wäre es verständlich das man einander als Konkurrenten betrachtet.
Andererseits könnte es auch sein, dass der Entgegenkommende unzufrieden ist, da in ihm eine Wut auf das System wächst. Die Arbeiter zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden regelrecht ausgebeutet. Unmenschliche Arbeitszeiten und vor allem harte
Arbeit ohne Erholung belasteten die Menschen sehr stark. Die Wut spiegelt sich in dem kalten Blick, aber auch in den „harte[n] Schritten“ (Z.6) wider, die „Feuer aus dem turmhoch steilen Zaun“ (Z.7) hauen. Diese Schritte verängstigen das lyrische Ich. Die Metapher ist einschüchternd, drohend für das lyrische Ich und wirkt sehr mächtig. Die Person strahlt ungeheure Kraft und vielleicht auch Wut aus. Die Wut scheint jeden Moment ausbrechen zu können, denn „sein kurzes Atmen wolkt geballt“ (Z.8). Das lyrische Ich ist durch diese Situation regelrecht bedrängt. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein und der unangenehme Augenblick der Begegnung will einfach nicht vergehen. Das Gedicht läuft hier in eine Art Höhepunkt. Ein Zeitstillstand, der den Leser und das lyrische Ich außer Atem bringt.
Betrachtet man allerdings die Person, die dem lyrischen Ich begegnet, als einen wohlhabenden Fabrikbesitzer, so könnte der kalte Blick als abwertend gedeutet werden.
Die Metapher „de[s] turmhoch steilen Zaun[s]“ symbolisiert wieder diese Einengung des lyrischen Ichs. Es ist hier gefangen, genauso wie in dem Augenblick der Begegnung, zwischen den hohen Fabrikgebäuden, die es fast erdrücken. Dies wird in der dritten Strophe unterstützt durch die Personifizierung der „Mauern, die nur sich besehn“ (Z.11). Es gibt also nichts anderes, außer hohe, fensterlose Fabrikgebäude, die einen gefangen halten.
Nach den beiden Quartetten erfolgt eine Zäsur. Zunächst wurde die Situation um das lyrische Ich herum beschrieben, folgend betrachtet Paul Zech die Gefühle des lyrischen Ichs.
Er beginnt mit einem Vergleich und behauptet, dass „keine Zuchthauszelle [..] in ein Eis das Denken wie dies Gehen“ (Z. 9-10) einklemmt. Diese Metapher unterstützt erneut, dass das lyrische Ich den Augenblick als unerträglich empfindet. „Die harten Schritte“ (Z.6) sind erdrückender als ein Gefängnis. Das lyrische Ich traut sich nicht zu Denken, in der Angst sein gegenüber könnte davon vielleicht etwas mitbekommen oder wütend werden.
Die letzte Strophe scheint eine Art Fazit oder vielleicht sogar eine Lehre zu sein. Es ist egal, ob du „Purpur oder Büßerhemd“ (Z.12) trägst, auf jedem lastet das gleiche Schicksal. Diese Allegorien stehen einerseits für Reichtum und andererseits für Armut. Paul Zech stellt in der letzten Strophe die beiden Schichten der Gesellschaft
auf eine Stufe, denn auf sie „drückt mit riesigem Gewicht Gottes Bannfluch: uhrenlose Schicht“(Z. 13-14). Diese religiöse Komponente spiegelt eine Art Bestrafung wider. Ein Bannfluch ist eine Strafe, die für eine Untat oder ein Verbrechen ausgesprochen wird. Das Wort selber besteht aus zwei Wörtern mit der gleichen Bedeutung, ein Bann ist das gleiche wie ein Fluch. Dadurch verstärkt Zech die Kraft des Wortes, so dass es bedrohend wirkt.
Es wird allerdings nicht deutlich, was Zech mit den letzten Worten des Gedichtes meint. Wer oder was ist die „uhrenlose Schicht“ (Z.14)? Es könnte sein, dass „uhrenlos“ für Armut steht, also dafür, dass sich ein Arbeiter keine Uhr leisten kann, anders als die Fabrikbesitzer. Diese Aussage würde aber im Widerspruch zu der Behauptung stehen, das Zech Arm und Reich auf eine Stufe stellt und beide Schichten durch Gott bestraft seien. Vielleicht ist es auch eine Anspielung darauf, dass sich das Zeitgefühl mit der Industrialisierung geändert hat. Dazu hat
Thomas Nipperdey einen Text verfasst, in dem die Zeitlosigkeit betrachtet wird. Die Menschen lebten vor der Industrialisierung nach der „naturale[n] Zeit“ (Z.3), die die „Tages- und Jahreszeiten, [das] Wetter und [...] die Ernte“ (Z.3-4) umfasst. Mit der Erfindung der Maschine gab es erste „Anzeichen für eine Änderung“ (Z.7). Eine Maschine „läuft regelmäßig“ (Z.9), damit wird auch eine Arbeitzeit eingeführt, die „etwas ganz anderes [ist], als die gelebte Zeit“ (Z.10-11). Die Arbeit wird aufgeteilt und jeder Arbeiter bekommt einen Arbeitsgang. Alles muss gleichzeitig ablaufen, dadurch wird „der Arbeitsgang des Einzelnen und das Produkt [...] voneinander getrennt“ (Z.16-18). Ziel ist es in möglichst kurzer Zeit viele Produkte zu erzeugen, dabei ist jeder Einzelne ersetzbar. „Zeit wird rationalisiert“ (Z.11), also verdrängt. Sie spielt keine Rolle mehr. Es ist egal wie lange jeder arbeitet und ob „eine Entfremdung im Verhältnis von Mensch, Arbeit und Werk“ (Z.21) entsteht, wichtig ist nur, dass am Ende ein fertiges, qualitativ hochwertiges Produkt vorhanden ist. Es könnte also sein, dass wie Nipperdey beschrieben, Paul Zech die Situation des Arbeiters im Verhältnis zu seiner Arbeit als „uhrenlos“ und damit als bedeutungs- und wertlos betrachtet.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass das Gedicht die Arbeitswirklichkeit um 1900 beschreibt, die den Menschen als solchen rationalisiert. Es sind Elemente des Expressionismus zu finden, die die Angst vor der Sinnentleerung der menschlichen Existenz reflektieren. Auch der Bannfluch Gottes kann als expressionistisches Motiv
betrachtet werden. Der Mensch wird für die Mechanisierung des Lebens, die er selbst hervorgerufen hat, bestraft, in dem die Zeit bedeutungslos wird.
Paul Zech war vermutlich selber in der Situation eines von Armut geprägten Arbeiters, der für sein Überleben kämpfen musste. Nicht jeder Autor war bzw. ist erfolgreich zu Lebenszeiten. Da es unterschiedlichste Versionen von seinem Lebenslauf gibt, könnte es sein, dass diese eher Wünsche und Träume reflektieren, ein Leben das Zech gern geführt hätte. Seine wahren Emotionen spiegeln sich in seinen Gedichten wider.


von Julia F.


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